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MGI-WerkstattGeschichte eines Iserlohner Juden im zweiten WeltkriegAm Abend des 23.11 war Daniel Hoffman (52) im Märkischen Gymnasium Iserlohn zu Gast. Er erzählte aus dem Leben seines Vaters Paul Hoffmann (geb. 1921) und las aus seinem Buch „Lebensspuren meines Vaters“ vor. Schüler der Stufen 9-13 und Lehrer hörten an diesem Abend in der Aula dem einstündigen Vortrag gespannt zu. Daniel Hoffman stellte seine Familie und vor allem seinen Vater Paul Hoffmann vor und beantwortete im Anschluss der Lesung Fragen des Publikums. Paul Hoffmann war Jude und lebte im zweiten Weltkrieg in Iserlohn. Bereits in seiner Schulzeit bekam er die Abneigungen seiner Mitschüler zu spüren. Zudem durfte er wie alle anderen Juden nicht ins Schwimmbad oder in Sportvereine gehen. Er wurde in der Reichspogromnacht, die Nacht vom 9 auf den 10 November 1938, wie 30.000 andere Juden in Deutschland verhaftet. Dann wurde er in ein Konzentrationslager in Ausschwitz gebracht. In seinem Buch berichtet Daniel Hoffmann unter anderem davon, wie sein Vater sich dort durchs Leben geschlagen hat und schließlich überlebte. Dieses wird auch von zahlreichen Briefen und anderen Dokumenten seines Vaters unterstrichen. Das Buch „Lebensspuren meines Vaters“ handelt eigentlich nur von einem unbedeutenden Juden, aber gerade das macht dieses Buch so interessant, denn er ist nicht unbedeutend. So wie ihm oder noch viel schlechter, ging es im zweiten Weltkrieg über 524.000 Juden und dieses Schicksal darf nicht in Vergessenheit geraten. Auch heute 66 Jahren nach Kriegsende sollten sich die Menschen bewusst sein, was damals passiert ist und dafür sorgen, dass auch dieser schreckliche Teil Deutscher Geschichte an die nächsten Generationen weitergegeben wird. Außerdem sollte man auch immer bedenken, dass längst nicht alles der Vergangenheit angehört und es noch immer rechtsradikale Gewalt in Deutschland gibt. Interview mit Daniel HoffmannWie sind sie auf die Idee gekommen dieses Buch zu schreiben? Ich habe das Buch stellvertretend für meinen Vater geschrieben. Er wollte es eigentlich selber schreiben und hatte auch Vorarbeiten gemacht. Allerdings konnte er es nicht mehr selbst ausarbeiten, weil er 2004 dement krank geworden ist. Damals bestand schon ein Konvolut von Aufzeichnungen und eine ganze Reihe von Dokumenten, aber daraus ein Buch zu machen hätt er intellektuell nicht mehr geschafft, dass wäre eine Arbeit gewesen, die ihn mit seiner Krankheit überfordert hätte. Wie lange hat es gedauert das Buch zu schreiben und auszuarbeiten? Das hat ungefähr ein Jahr gedauert. Ich habe mir damals sehr viel Zeit genommen und mich nur darauf konzentriert. Wann hat ihr Vater angefangen von damals zu erzählen? Mein Vater hat eigentlich immer erzählt. Vor allem meiner Mutter, mir und meiner Schwester. Auch als wir noch klein waren. Finden sie es nicht auch ein bisschen komisch, dass jeder die Geschichte ihres Vaters lesen kann? Für mich war das Erlebte meines Vaters immer ein Teil der Familiengeschichte und sehr privat und mein Vater mochte es eigentlich auch nicht, wenn meine Schwester und ich darüber mit anderen Leuten gesprochen haben. Er hat selber nur mit der jüdischen Gemeinde Düsseldorf und der Familie darüber gesprochen. Dass es so eine starke Öffentlichkeit erreicht wollte er eigentlich nie. Als ich das Buch geschrieben habe, habe ich daran allerdings nie gedacht. Ich konnte ja auch nicht sicher sein, dass ich einen Verlag dafür finde. Als dann aber klar wurde, dass es veröffentlicht wird musste ich mich darauf erst mal einstellen. Sobald ich das erste Mal öffentlich gelesen habe, war das aber für mich kein Problem mehr. Sie sagten ja, dass ihr Vater dement war. Wusste er dann überhaupt noch, dass sie das Buch geschrieben haben? Er wusste es nicht mehr, denn er hat es nicht realisiert. Als ich ihm hinterher das fertige Buch gezeigt habe, hat er wohl ein bisschen geahnt, was es ist, aber es nicht begriffen, wie es ein gesunder Mensch getan hätte. Wie konnten sie sich so genau in die Situationen hinein versetzen? Ich habe mich da nicht reinversetzt. Ich habe mich eigentlich mehr in die Lektüre rein gefühlt. Wenn man als Naturwissenschaftler poetische Texte liest fühlt man sich ja auch in die Figuren hinein und so ähnlich war es auch mit den Dokumenten die mein Vater gesammelt hatte. Wie ist ihr Vater mit dem Erlebten umgegangen? Ist er je damit klargekommen? Das ist schwer zu sagen, weil mein Vater bevor meine Mutter im Jahre 2000 verstorben ist, sehr selten geweint hat. Wenn er aber doch mal geweint hat, waren das ganz außergewöhnliche Ereignisse. Daran habe ich aber gemerkt, dass er sehr viel versucht hat sich von seiner Vergangenheit zu distanzieren. Er wollte sich nur aus einer Distanz aus daran erinnern, damit ihn das nicht zu stark erschüttert. Aber präsent ist es immer gewesen. Wie gehen sie als Sohn mit dem Erlebten ihres Vaters um? Heute anders als früher. Das hat sich natürlich auch im Laufe der Jahre geändert. Als meine Mutter noch lebte waren die Gespräche im Familienkreis immer recht schwierig. Meine Mutter war ein sehr emotionaler Mensch und immer sehr erschütterst von dem was mein Vater erzählt hat. Dadurch waren dann auch die Situationen immer schwer zu ertragen, sodass man sich im Laufe der Jahre auch mal gewünscht hat, dass mein Vater weniger erzählt und nicht immer versucht uns diese Erinnerungen zu präsentieren. Als meine Mutter gestorben ist, hat mein Vater dann entspannter erzählt, da hatte ich auch nicht mehr ein so starkes emotionales Verhältnis zu seinen Erzählungen. Wenn man sich aber zum Beispiel, wie heute, auf eine Lesung vorbereitet und sich damit beschäftigt, ist es aber tatsächlich doch noch mal eine psychische Belastung für mich. Welche Botschaft wollen sie den Menschen mit dem Buch mitgeben? Es ging mir darum eine andere Stimme in die Holocaust-Biografie-Sparte hineinzubringen. Es gab auch einfache Menschen, die den Holocaust überlebt haben. Es waren nicht nur Prominente oder Künstler, sondern eben auch ganz einfache Menschen, mit deren Schicksal sich viele auch besser identifizieren können. Das war mir sehr wichtig. In wie fern halten sie es für wichtig, dass sich die heutige Jugend noch mit dem Thema auseinander setzt, gerade in Bezug auf die aktuellen Geschehnisse? Darauf bezogen möchte ich kurz etwas erzählen: Mein Vater hatte 2002, als er wieder anfing Aufzeichnungen zu machen, die Hilfe eines Studenten, den ich auch gut kannte, in Anspruch genommen. Und der hat zu mir gesagt, dass er gar nichts über das dritte Reich weiß. Er hatte in der Schule darüber nicht viel gelernt und sich privat auch nie wirklich dafür interessiert. Aber er ist ein sehr netter, liebenswürdiger und ein moralisch sehr gefestigter Mensch und ich glaube, das sind die entscheidenden Kriterien. Man kann natürlich aus dem Holocaust für seine eigene sittliche Einstellung lernen, aber es ist nicht unbedingt notwendig. Zur heutigen Situation kann ich durchaus sagen, dass es wertvoll ist, sich mit solchen gesellschaftlichen Verhältnissen, wie sie in den dreißiger Jahren entstanden sind auseinander zu setzen. Ich habe mich in letzter Zeit auch stark mit der Geschichte der Juden im 19. Jahrhundert und ihremVersuch sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren beschäftigt. Man kann heute gewisse Parallelen zu den Schwierigkeiten sehen, die muslimische Menschen in Deutschland haben. Es sind die selben Kriterien, wie Abneigung, die für ihren Misserfolg oft verantwortlich sind. Ich bin auch mit einem muslimischen jungen Mann befreundet und bei dem merke ich auch immer wieder, was es für Vorbehalte ihnen gegenüber gibt. Quelle: IKZ vom 20. Dezember 2012 |